Critical Mass – Alternative Mobilität

Alle Teilnehmer der Critical Mass Stuttgart auf dem Treffpunkt am Rotebühlplatz.

Die Gegenbewegung zur alltäglichen Blechlawine in unserer Stadt

Critical Mass, das heißt entspannt durch Stuttgart radeln, Strecken befahren, die sonst für Radler gesperrt sind, Gleichgesinnte treffen und über Räder und Mobilität fachsimpeln. Es heißt aber genauso Autofahrern und Fußgängern zu zeigen, dass das Fahrrad ein gleichberechtigtes Verkehrsmittel sein sollte – was es in Stuttgart noch lange nicht ist.

Critical Mass – wir sind dabei!

Seit drei Jahren fahre ich in Stuttgart bei der Critical Mass mit – mehr oder weniger als Solofahrer. Am 7. Mai war es soweit: Acht Mann, eine kleine Delegation von Paul-Lange-Kollegen, folgten meinem Aufruf, doch gemeinsam an der Critical Mass teilzunehmen. Mein Motto: Radfahren ist in der kritischen Masse doch am Schönsten. Kurz vor fünf machten wir uns auf den Weg. Das Cruisen durch den Schlossgarten war ebenso heiß wie anstrengend, da wir ständig den K(r)ampfradlern ausweichen mussten. Da wir noch Zeit hatten, entschieden wir einstimmig, noch einen Einkehrschwung beim Palast (der Republik) einzulegen. Bei einer Hopfenkaltschale diskutierten wir viele Möglichkeiten, den Radverkehr in Stuttgart zu verbessern. Schnell war klar: Es fehlt nicht an Ideen, sondern an Geld, Personal, der Umsetzung vorhandener Gesetze und vor allem dem politischen Willen.

18.35 Uhr: Wir erreichen von der Rotebühlstraße aus den Feuersee. Das Gelände um den See war von Critical Mass -Teilnehmern so beeindruckend voll, dass wir kaum von der Straße wegkamen.

Jetzt geht’s los

18.40 Uhr: Feuersee, eine Hupe dröhnt, die Polizeieskorte aus Autos und Motorrädern startet ihre Maschinen – haben die keine Dienstfahrräder? Der Tross setzt sich in Bewegung. Mal schneller, mal langsamer (auch das will gelernt sein), bewegt sich der mittlerweile kilometerlange Bandwurm durch die Stadt. Über gesperrte Kreuzungen und rote Ampeln. Gesetzliche Grundlage dafür ist der Paragraph 27, Absatz 1 der Straßenverkehrsordnung. Hiernach bilden mehr als 15 Radfahrer auf einem Fleck einen geschlossenen Verband und werden daher wie ein Fahrzeug betrachtet. (Gleiches gilt beispielsweise auch für Kinder- und Jugendgruppen, die zu Fuß unterwegs sind.)

Präsenz zeigen

Der Leitsatz der Critical Mass lautet: „Wir füllen Stuttgarts Straßen mit so vielen Radfahrern, dass wir nicht mehr zu übersehen sind! Das Fahrrad ist DAS überlegene urbane Fortbewegungsmittel. Es verursacht keinerlei Emissionen oder Lärm, es ist günstig und es braucht wenig Platz. Wir werben für einen Umstieg – weg vom Auto, weg vom immensen Flächen- und Energieverbrauch, weg von Lärm, Dreck und Luftverschmutzung – hin zu umweltfreundlicher Fortbewegung, hin zu einer fahrradfreundlichen Stadt Stuttgart.“

Abbild urbaner Radkultur

Damit ist die Critical Mass ein Abbild urbaner Radkultur. Und die ist laut O-Ton des Stuttgarter Oberbürgermeisters Fritz Kuhn „dem Anteil des Radverkehrs von derzeit sechs Prozent am Verkehrsaufkommen“ zum Trotz, sehr vital und kreativ. Ständig werden neue Routen durch Stuttgart ausgearbeitet, neue Ziele und neue Mitstreiter gefunden. Alban Manz, Initiator der Stuttgarter Critical Mass: „In Stuttgart fährt man nicht wegen, sondern trotz der Unterstützung von Seiten der Stadt Fahrrad. Die gesamte Verkehrsinfrastruktur, Signal- und Parkanlagen – Verkehr in Stuttgart dient dem Auto. Radfahrer sind ein Randthema, für das nur wenig Geld und Personal zur Verfügung steht.“

Über das Portal der RadKULTUR des Landes Baden-Württemberg und zuletzt auch über das Stuttgarter Radforum wurde die Critical Mass in Stuttgart quasi „legalisiert“. Das macht die Stuttgarter Critical Mass zu einer Besonderheit im Vergleich zu anderen deutschen und internationalen „Kritischen Massen“. Außerdem herrscht schwäbische Ordnung. Die Critical Mass gibt es weltweit und weltweit fährt bzw. ist sie chaotisch, d.h. ohne konkrete Route und Verantwortliche. Weltweit? Nein, in der schwäbischen Metropole läuft das anders. Hier gibt es vorab einen Tourenplan, da wird der Tross von der Polizei begleitet, da gibt es einen Verantwortlichen.

Bunt gemischte Räder und Radler

Enorm ist die Breite der Teilnehmer und ihrer Räder. Vom Hipster über Vater und Sohn bis hin zur Hausfrau. Jung wie alt, das gesamte Spektrum an Radfahrern ist vertreten, und das ist gut so. Ob Mountainbike, Carbonrenner, Fixie, Trekking- oder Liegerad – am auffälligsten sind exotische Sonderkreationen wie selbst zusammengelötete Hochräder, Rikschas oder Lastenräder mit dröhnender Musik. Sie alle eint das Ziel, Werbung fürs Radfahren in Stuttgart zu machen. „Die Pedaleure sollen raus aus ihrem Nischendasein“, meint Manz.

Radfahrer nutzen allen

Passanten schauen mehr oder weniger ungläubig. Helfer, die sogenannten „Corker“, sperren Kreuzungen und Zufahrten und erklären Autofahrern Sinn und Zweck der Critical Mass. Aggressionen gibt es selten, denn, so Alban Manz: „Wer Rad fährt, kann nicht gleichzeitig Auto fahren und entlastet somit schon mal direkt unsere verstopften Straßen.“

Besonders interessant für uns „Stadtradler“ ist das Befahren von Hauptverkehrsadern wie der B10, Planie- oder Wagenburgtunnel, Marienplatz und der Theo(dor-Heuss-Straße). Ein Traum! Radfahren in der Stadt kann so schön sein. Ein vielstimmiges Klingelkonzert, Bässe dröhnen aus umgebauten Soundmobilen – Critical Mass macht

Spaß! So viel Spaß, dass immer mehr Teilnehmer mitmachen. Im Mai wurde erstmalig die magische Grenze von 1.000 überschritten, im Juni waren es schon mehr als 1.300. Damit befindet sich die Stuttgarter Szene auf Augenhöhe mit Berlin und Hamburg. Und wer am Ende Lust hat, isst am Zielort im Rahmen der Stuttgarter After-Mass noch ein Häppchen und löscht den Durst mit einem Radler.

 

Konrad Weyhmann genießt ein Bier bevor die Critical Mass los geht.

Für ein lebens- und liebenswertes Stuttgart

Was bringt die Critical Mass? Das ist schwer zu sagen. Fakt ist, die Community wächst beständig, der Unmut über schlechte Bedingungen für Radfahrer auch. Urbane Mobilität ist in aller Munde, weil jeder, ob auf zwei oder vier Rädern, davon betroffen ist. Und wenn die Entscheider im Gemeinderat irgendwann erkennen, dass Radverkehr kein Problem, sondern Teil der Lösung für ein lebens- und liebenswertes Stuttgart ist, dann hat sich die Critical Mass sicher gelohnt.

Zur Website der Critical Mass in Stuttgart:
 https://criticalmassstuttgart.wordpress.com/

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